Miteinander leben & feiern

Main-Post-Stadtgespräch zum Würzburger Nachtleben: Viele Perspektiven, viel Gesprächsbedarf

Im Rahmen der ersten Würzburger Aktionswochen Alkohol fand am 15. Juni 2026 in der THWS BiB Lounge ein öffentliches Stadtgespräch zum Thema „Feiern, Alkohol, Einsätze, Ruhestörung – wie kann ein friedliches und sicheres Nachtleben für alle gelingen?“ statt. Veranstaltet wurde die Diskussion von der Main-Post, die Moderation übernahmen die Redakteur:innen Desiree Schneider und Christoph Sommer. 

Auf dem Podium diskutierten Vertreter:innen aus Verwaltung, Gastronomie, Polizei, Rettungsdienst und dem Projekt „Miteinander leben & feiern“ gemeinsam mit rund 40 interessierten Bürger:innen über Herausforderungen und Entwicklungen rund um das Würzburger Nachtleben.

Unterschiedliche Perspektiven auf ein gemeinsames Thema

Den Auftakt machte Anwohnerin Irmgard Münch (im Bild links neben Desiree Schneider), die seit mehr als sechs Jahrzehnten im Umfeld der Sanderstraße lebt. Anhand ihrer persönlichen Erfahrungen schilderte sie, wie sich die Situation im Viertel im Laufe der Jahre verändert hat – sowohl hinsichtlich Anzahl und Ausrichtung gastronomischer Betriebe als auch mit Blick auf das Verhalten Feiernder im öffentlichen Raum. Mit deutlichen Worten beschrieb sie die Schwierigkeiten, mit denen sie und andere Anwohnende regelmäßig konfrontiert seien: nächtlicher Lärm, Scherben, Urin und Erbrochenes im öffentlichen Raum sowie mutwillige Sachbeschädigungen.

 

Anschließend teilten Dr. Uwe Zimmermann, Leiter der Allgemeinen Bürgerdienste der Stadt Würzburg, Manuel Bettinger, Gastronom und Sprecher der Interessengemeinschaft Sanderstraße, sowie Jenifer Gabel vom Projekt „Miteinander leben & feiern“ ihre Einschätzungen zur aktuellen Situation.

 

Dabei zeigte sich, wie unterschiedlich das Nachtleben wahrgenommen wird.  Während viele Anwohnende von anhaltenden Beeinträchtigungen berichteten, meldeten sich auch Stimmen aus der Nachbarschaft zu Wort, die die Lebendigkeit des Viertels schätzen und keine gravierenden Probleme wahrnehmen.

 

Die Podiumsgäste verwiesen auf bereits umgesetzte Maßnahmen, rechtliche Rahmenbedingungen und die Grenzen kommunaler Handlungsmöglichkeiten. Verständliche Forderungen nach zusätzlichen öffentlichen Toiletten oder einer stärkeren Präsenz von Polizei und Kommunalem Ordnungsdienst ließen sich daher nicht ohne Weiteres umsetzen.

Alkohol als gemeinsamer Faktor

 

Im Verlauf des Abends rückte immer wieder die Rolle von Alkohol in den Mittelpunkt. Polizeioberrat Joachim Hupp, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Würzburg-Stadt, berichtete, dass die Sanderstraße aus polizeilicher Sicht kein außergewöhnlicher Kriminalitätsschwerpunkt sei und die Zahl der Straftaten dort in den vergangenen Jahren eher rückläufig gewesen sei. 

 

Im Vergleich zu anderen Bereichen mit hoher Gastronomie- und Clubdichte falle die Sanderstraße nicht besonders negativ auf. Gleichzeitig betonte er, dass Würzburg insgesamt weiterhin zu den sicheren Städten gehöre.

Dennoch spiele Alkohol bei vielen nächtlichen Konflikten und Polizeieinsätzen eine wesentliche Rolle. Je später die Nacht und je höher der Alkoholkonsum, desto häufiger komme es zu aggressivem Verhalten, Streitigkeiten oder anderen problematischen Situationen.

Auch Thomas Witzel (im Bild rechts) von den Johannitern schilderte, dass viele Einsätze des Rettungsdienstes mit den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums zusammenhängen, etwa bei Stürzen, Kopfverletzungen, Übelkeit, Erbrechen oder Kreislaufproblemen.

 

Anliegen der Anwohnenden und Antworten aus Stadt und Gastronomie

 

Im weiteren Verlauf der Diskussion wurden zahlreiche konkrete Problemlagen angesprochen. Mehrfach ging es um die Situation in den Seitengassen der Sanderstraße. Eine Anwohnerin schilderte, dass sie sonntagmorgens auf dem Weg durch die Elefantengasse teilweise „Slalom“ um die Hinterlassenschaften der Nacht laufen müsse.

 

Genannt wurden unter anderem häufigere Reinigungsintervalle, insbesondere in den Seitengassen, zusätzliche Mülleimer, eine Ausweitung des Alkoholverbots auf Reurer- und Petererviertel sowie eine konsequentere Kontrolle bestehender Regelungen. Zudem wurde die Frage aufgeworfen, weshalb Alkohol trotz des nächtlichen Verbots weiterhin über Spätis und 24/7-Shops erhältlich sei.

 

Diese Einschätzungen decken sich mit den Erfahrungen unserer Nachtmediator:innen, die seit 2022 jedes Wochenende bis in die frühen Morgenstunden in der Würzburger Innenstadt unterwegs sind. Sowohl Polizei als auch Rettungsdienst hoben die präventive und deeskalierende Arbeit des Teams ausdrücklich positiv hervor.

Dr. Uwe Zimmermann (im Bild rechts) erläuterte hierzu die rechtlichen Rahmenbedingungen. Automatenläden seien genehmigungsfreie Gewerbe, für die das Ordnungsamt nicht zuständig sei. Mit Blick auf eine mögliche Ausweitung des Alkoholverbots verwies er auf den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit.

 

Zudem betonte er, dass dokumentierte Beschwerden eine wichtige Grundlage für künftige Bewertungen und politische Entscheidungen seien. Er appellierte deshalb an die Anwohnenden, Probleme weiterhin zu melden – beim Miteinander-Team, beim Ordnungsamt oder in akuten Fällen bei der Polizei – und nicht zu resignieren.

 

Aus Sicht der Gastronomie berichtete Manuel Bettinger (im Bild links) über bereits bestehende Maßnahmen zur Entlastung der Anwohnerschaft. So verwies er auf die Aktion „Würzburg Wischer“, bei der Gastronomiebetriebe die Straßen im Umfeld der Sanderstraße an den Wochenenden auf eigene Kosten reinigen lassen. Bürger:innen könnten sich direkt an ihn wenden, wenn Verunreinigungen beseitigt werden müssten. Darüber hinaus warb er für den direkten Austausch, um konkrete Probleme möglichst frühzeitig gemeinsam anzugehen.

 

Zudem erinnerte er an einen Maßnahmenkatalog, den mehrere Gastronomiebetriebe bereits vor einigen Jahren gemeinsam entwickelt haben, um in enger Abstimmung mit Stadtverwaltung und Sicherheitsbehörden zur Verbesserung der Situation beizutragen.

Erfahrungen aus dem Konfliktmanagement

 

Jenifer Gabel vom Projekt „Miteinander leben & feiern“ betonte die Bedeutung des Austauschs mit vergleichbaren Projekten in anderen Kommunen. Die Erfahrungen aus über 200 Städten zeigten, dass die in Würzburg diskutierten Herausforderungen vielerorts auftreten. Überall dort, wo Wohnen und Feiern aufeinandertreffen, entstünden ähnliche Spannungsfelder.

 

Eine Patentlösung gebe es dabei nicht. Nachhaltige Verbesserungen entstünden vielmehr durch das Zusammenspiel verschiedener Ansätze: Prävention und Sensibilisierung, Dialog und Vermittlung, aber auch Kontrollen und ordnungsrechtliche Maßnahmen. Deshalb plädierte Gabel dafür, neue Ideen und kleinere Lösungsansätze auszuprobieren und ihre Wirkung in der Praxis zu überprüfen.

Zwischen Frust und nächsten Schritten

 

Im Verlauf des Abends wurde deutlich, wie groß die Frustration mancher Anwohnender inzwischen ist. In vielen Wortmeldungen wurde spürbar, dass sich einige Betroffene nicht ausreichend gehört fühlen und das Vertrauen in bestehende Beschwerde- und Dialogwege gelitten hat.

 

Als konkretes Ergebnis der Veranstaltung kündigte Dr. Zimmermann eine gemeinsame Ortsbegehung mit interessierten Anwohnenden an. Ziel soll sein, Belastungsschwerpunkte direkt vor Ort in den Blick zu nehmen und mögliche Verbesserungen gemeinsam zu prüfen.

 

Auch für das Team von „Miteinander leben & feiern“ liefern die Rückmeldungen des Abends wichtige Hinweise für die weitere Arbeit. Ergänzend zur Ortsbegehung möchten wir prüfen, wie ein eigenes Austauschformat für Anwohnende gestaltet werden kann.

 

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, dass Verbesserungen selten durch eine einzelne Maßnahme entstehen. Häufig sind es viele kleinere Schritte, die in ihrer Summe zu einer spürbaren Entlastung beitragen.

 

Wir bedanken uns bei allen Beteiligten für die konstruktiven Beiträge und die Bereitschaft zum Dialog.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert